Verband der heimatkundlich-

historischen Vereine Saarlouis e.V.

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Norbert Breuer-Pyroth


"Dachten Sie, ich sei unsterblich?"

Vor 300 Jahren starb der französische Sonnenkönig Ludwig XIV.

Auftragsarbeit für die Wochenzeitung PREUSSISCHE ALLGEMEINE ZEITUNG Beginn: 12.12.2014 – Ende: 18.2.2015

Obgleich ihm sein Leibarzt Dr. Antoine Daquin zur Krankheitsvorbeugung sämtliche Zähne, darunter auch die wenigen verbliebenen guten, ziehen ließ (und unbeabsichtigt Teile des Kiefers gleich mit), war er mit einem ungeheuren Appetit gesegnet.


Nicht nur auf erlesene Speisen und Getränke. Er zeugte mindestens 17 Nachkommen mit vier verschiedenen adligen Damen, liebte Billard und seine drei Meter lange Badewanne pour deux, in welcher er im Badeanzug zu planschen pflegte. Er trug eine schulterlange Allongeperücke, die selbst Rainer Langhans erblassen ließe, und hält den Weltrekord: kein König oder Kaiser saß je länger auf dem Thron als er - Ludwig XIV., der französische „Sonnenkönig“, regierte 72 Jahre, seine Kinderjahre miteingerechnet.


Nein, er war nicht der Begründer des Absolutismus und hat jenen deutschen Gymnasiasten überlieferten Satz: „L’état, c’est moi“ niemals ausgesprochen. Tatsächlich gesagt aber hat er: „Den Interessen des Staates gebührt der Vorrang.“ Und selbiges lebte er durchaus auch vor.


Auf etlichen Gebieten war er, der am 5. September 1638 geborene Bourbone, erfolgreich und geschickt. „Die ganze Kunst der Politik besteht darin, sich der Zeitumstände richtig zu bedienen“, sinnierte er einmal. An seiner schillernden Persönlichkeit scheiden sich indes die Geister. Damals wie heute. Den einen stärkte er Frankreichs Macht, nicht zuletzt durch die schlagkräftigste Armee Europas, sowie dessen aufsteigende kulturelle Stellung in der Welt. Denn er förderte die Künste vorbildlich, auch durch überaus rege Bautätigkeit. Noch der heutigen französischen Volkswirtschaft verhilft er mit Versailles zu jährlich drei Millionen zahlenden Besuchern aus aller Welt. Und mit dem idyllischen „Canal du Midi“ hat er, ganz unwillentlich, eine weitere Pretiose hinzugefügt.


Den anderen war er zu kriegerisch. Und den Hugenotten wurde er gar zum Inbegriff des Schreckens. Diese glaubensstarken Tapferen wurden entrechtet, entehrt, grausam gefoltert, getötet oder endeten als Galeerensträflinge auf Lebenszeit. Hunderttausende von ihnen flohen im Zuge der Aufhebung des „Edikts von Nantes“ außer Landes. Eine folgenreiche Irrung des katholischen Gewaltherrschers: der Exodus der wohlhabenden, handwerklich wie akademisch begabten Hugenotten erwies sich für Frankreich als wirtschaftlich und militärisch ruinöser Verlust. (1700 machten die Réfugiés hochgeachtete 30% der Bevölkerung Berlins aus.)


Für viele geschichtsbewußte Franzosen ist nicht etwa er, der „Sonnenkönig“, sondern vielmehr sein Großvater Henri IV. (1553-1610) unumstritten der größte aller französischen Könige, „le bon roi“. Doch auch Ludwig XIV., der seines Opas friedensstiftendes „Edikt von Nantes“ schmählich widerrief, wird bis heute mit recht wohlwollendem Respekt geehrt. Die Franzosen folgen darin Voltaire: „Er hat Mängel und Gebrechen gehabt, er hat Fehler begangen – aber würden die, die ihn verurteilen, ihn erreicht haben, wenn sie an seiner Stelle gewesen wären? Man wird seinen Namen nicht ohne Ehrfurcht aussprechen können."


Als Ludwig XIV. vor 300 Jahren - am 1. September 1715 - starb, wurde sein Sarg vom niederen Volke noch bespuckt. Nicht nur, weil das Land am Ende seiner Regentschaft wirtschaftlich so danieder lag wie noch niemals zuvor, die Währung ruiniert. Womöglich waren diese Haßerfüllten sog. „Irre“, „Hexen“ und Zigeuner, Vagabunden, Straßenmädchen. Zehntausende von ihnen nämlich ließ der „Gottgegebene“ (dieudonné) mittels königlicher Edikte wegsperren.


Da sich Frankreich naturgemäß nach Westen hin nicht mehr ausdehnen konnte, raubte Ludwig in seinen „Reunionskriegen“ eben östlich an holländischem und deutschem Terrain alles zusammen, dessen er nur habhaft werden konnte. Um die überaus fragwürdigen französischen Ansprüche zu untermauern, wurde ungeniert bis auf Urkunden aus der Merowingerzeit zurückgegriffen. Seine losgelassenen Soldaten brandschatzten und vergewaltigten namentlich in der Pfalz, an Saar und Mosel, in Hunsrück, Eifel und Ardennen. Beileibe nicht nur das romantische Heidelberger Renaissance-Schloß wurde ein Opfer der Erbarmungslosigkeit.


„Es ist leichter, Europa zu einigen, als zwei zerstrittene Frauen miteinander auszusöhnen", scherzte der Monarch. Und irrte epochal. Das Elsaß – welches seit 925 zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gehörte – wurde während seiner Regentschaft de jure französisches Terrain. Und blieb bis in die Neuzeit ein glühender Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich. In seiner „Kriegsgeschichte“ geht der britische Feldmarschall Montgomery mit dem „Roi-Soleil“ hart ins Gericht: „Keiner der Männer, die es unternommen haben, Europa zu beherrschen, ist für die Europäer so lange zur Plage geworden wie Ludwig XIV.“


Für seinen Ruhm war dem eitlen Monarchen das Allerbeste gerade angemessen. In dem Dorf Versailles ließ er sich von 20.000 Arbeitern binnen zwei Jahrzehnten eine grandiose Residenz errichten; das Hauptgebäude allein umfaßt 700 Zimmer. Darinnen wurde Tag und Nacht gefeiert, Prunk und Ausschweifung zelebrierten ihre Hochzeit. Der „Maître de Plaisir“ (heute würde man ihn wohl „Event-Manager“ heißen) zog die Fäden und ein Zeremonienmeister kontrollierte penibel den Tagesablauf des etikettenstrengen Königs. Bei dessen „Morgenritual“ („Lever du roi“) waren ab 8.00 Uhr in gradueller Abfolge zweihundert höchst beflissene Untertanen zugegen, darunter die eminenten „Nachtstuhl-Inspektoren“ und sogar der „Oberwolfsjäger“. Zum Reichen eines Nastuchs war bloß ein erlauchter Bediensteter befugt, für die Überreichung eines Glases wurden hingegen viere als geziemend erachtet. Während der Rasur saß der Dieudonné auf dem Nachttopf.


Hygiene wurde in Versailles kleingeschrieben, Parfüm wurde Wasser bei weitem vorgezogen; die Säle wurden denn auch nach einigen Stunden gerne gewechselt, weil es dort alsbald überaus streng roch. In den Gärten wurde die Notdurft verrichtet. Oder inwendig, worüber die herzhafte Liselotte von der Pfalz heftig die Nase rümpfte: „An eine schmutzige Sach kann ich mich hier am Hof nicht gewöhnen, nämlich daß alle Leute in den Galerien vor unsern Kammern in alle Winkel p ... und daß man nicht aus seinem Appartement gehen kann, ohne jemanden p ... zu sehen."


Am 7. Juli 1683 begaben sich der Monarch, seine Gattin, der Dauphin mit dem ganzen Versailler Hof ins heutige Saarland. Denn dort, auf damals noch lothringischem Gebiet und auf Sumpf wie in Versailles, ließ er zum Schutz der Außengrenzen von seinem genialen Militärbaumeister Sébastien le Prestre de Vauban (1633-1707) eine glänzende, barocke Wasserfestung errichten, die nach ihm benannt wurde und heute noch seinen Namen trägt: Saarlouis (ursprünglich: Sarre-Louis). Damit es auch der Nachwelt klar sei, wer hier gewirkt habe, wurde sogleich eine Münze geprägt. Mit dem Bildnis Ludwigs und der Inschrift „Ludovicus Magnus Rex Christianissimus“.


Die Reunionen und der Haß auf die Hugenotten erschütterten jedoch die europäische Vormachtstellung Ludwigs. Der angesehene deutsche Historiker Veit Valentin (1885-1947) schrieb: „Er führte seine Epoche viel weniger an, als es schien. Sein ursprünglich so wacher politischer Instinkt verdunkelte sich in einer Dogmatik, von der sich loszumachen ihm Kraft und Beweglichkeit fehlten.“

Wachsende Angst vor Höllenpein ließen den alternden König, der das damals biblische Alter von fast 77 Jahren erreichen sollte, tagtäglich in einer Kapelle beten. Die Marquise de Maintenon, seine zweite, morganatische Gemahlin, ironischerweise Tochter eines Hugenotten, soll sein religiöses Erbeben unentwegt gestärkt haben. Dies blieb nicht wirkungslos. „Meine Herren, warum weinen Sie, dachten Sie denn, ich sei unsterblich? Ich für meine Person habe das nie geglaubt!" ließ er seine Höflinge auf dem Totenbett wissen.


Was bleibt vom Leben eines nahezu vaterlos aufgewachsenen Jungen, der bei 1,63 Meter Körpergröße mit verblüffender körperlicher Robustheit seinen Gebrechen trotzte und nie eine Berufswahl hatte? Ein Prägestempel in der europäischen Geschichte: Ja. Sein Minister Jean-Baptiste Colbert erfand beispielshalber den Merkantilismus und ging damit in die Wirtschaftsgeschichte ein: Importe drücken, Exporte nach oben schrauben. Manufakturen, Vorstufe der Industrialisierung, erblickten das Licht. Bei seinem Amtsantritt umfaßte die Kriegsflotte 20 Schiffe, 1690 waren es 270 und Frankreich zur Seemacht avanciert.


Als im Zuge der Französischen Revolution am 15. Oktober 1793 auch Ludwigs Grablege in der Kathedrale von Saint-Denis Opfer von Plünderungen wurde, zeigte sich, daß sein einbalsamierter Leichnam erstaunlich gut erhalten war. Sein gedunkeltes Antlitz soll eine „majestätische Arroganz“ ausgestrahlt haben. Der Leichnam wurde barbarisch traktiert, sodann vorübergehend wie jene anderer Monarchen in eine Erdgrube geworfen und mit Löschkalk bestreut. Sein 1715 getrennt bestattetes Herz wurde späterhin in die Kathedrale von Saint-Denis übergeführt. Viel mehr an Gebeinen ist dort von ihm nicht mehr aufzufinden, zumal die nach den 157 Grabschändungen wieder zusammengetragenen sterblichen Überreste von 52 Königen mangels Identifikationsmöglichkeiten in einem Ossarium beieinanderliegen.

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